Die Stärkung der Schwachen

Was Menschen stark macht, kostet nicht immer Geld. Auch Dinge wie Selbstwirksamkeit und Anerkennung oder soziale Netzwerke können überlebenswichtig sein. Armutsbetroffene müssen viel zu oft Situationen der Einsamkeit, der Ohnmacht und der Beschämung erleben. Wenn der Alltag erfüllt ist vom ständigen Abwägen, welche Bedürfnisse man sich erfüllen kann oder zurückstellen muss, leidet auch die Urteilsfähigkeit. Laut Studien treffen Arme oft schlechte Entscheidungen. Sie akzeptieren zum Beispiel Kredite zu Wucherzinsen oder vernachlässigen die regelmäßige Einnahme von Medikamenten. Weil sie mit der Lösung kurzfristiger Probleme beschäftigt sind, geraten langfristige Ziele der Armen in den Hintergrund.15 

Wer Armutsbetroffenen helfen will, so der Sozialexperte Michael Schenk, muss sie stärken. „Mit drei Lebensmitteln, die man nicht essen kann“:

Freundschaften. Tragfähige Beziehungen, über die man sich austauschen kann, stärken den Menschen. Das Gegenteil schwächt: Einsamkeit und Isolation. Armutsbetroffene leben wesentlich öfter allein, haben seltener Kontakte außerhalb des Haushaltes und können deutlich weniger auf ein tragfähiges Unterstützungsnetzwerk zurückgreifen.

Selbstwirksamkeit. Gemeint ist damit die Gewissheit, dass die eigenen Anstrengungen etwas nützen. Das Gegenteil davon ist Ohnmacht. Kann man selber noch irgendetwas bewirken? Ergibt Handeln überhaupt einen Sinn? Wer die Erfahrung macht, dass die eigene Selbstwirksamkeit schwindet, wird entmutigt.

Anerkennung. Armutsbetroffene erleben das täglich: Sie strengen sich an und kriegen nichts heraus. Der Alltag am finanziellen Limit bringt keine „Belohnungen“ wie besseres Einkommen, Anerkennung oder sozialen Aufstieg. Eher im Gegenteil, der aktuelle Status ist ständig bedroht. Dieser schlechte Stress wirkt besonders bei Menschen in unteren Rängen, die nichts verdienen und nichts zu reden haben. Anerkennung und Respekt stärken. Das Gegenteil ist Beschämung, und das wirkt wie Gift.16 

 

 

15) Mullainathan, Sendhil/Zhao Jiaying:  Poverty Impedes Cognitive Function (2013). In: www.sciencemag.org, abgerufen am 2. 9. 2013 
16) Schenk, Martin (2010): Es reicht. Für alle. Wege aus der Armut. Impulsreferat im Rahmen der Fokuswoche EU-Jahr 2010, Berlin